Die Rauhekopfhütte wird im Zwei-Wochen-Rhytmus von ehrenamtlich von Mitglieder unserer Sektion bewirtschaftet. Das ist einzigartig in den Alpen. Am 19. Juli machen sich Andrea, Frank, Karla und Andreas auf den Weg über die Gletscherzunge des Geptaschgletschers zur Rauhekopfhptte.
Was sollen wir dann da kochen?
Diese Frage beschäftigte uns schon seit Wochen und wurde bei jedem Treffen und Telefonat ausgiebig diskutiert. Von der Geschäftsstelle hatten wir uns sogar die Lebensmittelrechnung für die Hüt tenversorgung geben lassen und damit eine KI gefüttert: „Erstelle auf Basis der gekauften Lebensmittel einen vier- zehntägigen Speiseplan mit Vor-, Haupt- und Nachspeise.“ Ergebnis: Die KI kennt keine Paradiescreme! Und auch sonst waren die Vorschläge eher einseitig und langweilig. Wir diskutierten also weiter
Wir, das sind meine Partnerin Andrea, Karla, Andreas und ich. Wir sind schon lange befreundet und haben bereits mehrere längere Reisen und Hüttentouren gemeinsam unternommen. Im vergangenen Jahr waren wir am Ende einer Hüttentour rund um den Titlis bei mäßigem Wetter die einzigen Gäste auf der Sewenhütte des SAC. Wir unterhielten uns darüber, was so eine Tätigkeit als Hüttenwirt eigentlich beinhaltet und dass es doch ganz spannend sein müsste, das einmal auszuprobieren.
Ehrenamt mal anders
Ohne das Thema zu vertiefen, stiegen wir am nächsten Tag ab. Der Gedanke ließ mich jedoch nicht los, und ich dachte an unsere Rauhekopfhütte, für die ich als Schatzmeister der Sektion zwar die Finanzen verfolge, die ich aber noch nie besucht hatte. Von Stefan Ernst, unserm Hüttenwart für die Rauhekopfhütte, erfuhr ich, dass die Hütte im Sommer für 12 Wochen geöffnet ist und im vierzehntägigen Wechsel von Ehrenamtlichen bewirtet wird. Leider gäbe es aber nicht genügend Interessenten, um alle Schichten mit Freiwilligen nur aus unserer Sektion zu besetzen. Danach stand mein Entschluss fest. Jetzt mussten nur noch die anderen drei überzeugt werden. Die Gelegenheit ergab sich bald bei der Suche nach einem Geburtstagsgeschenk für Karla.
Ich erstellte ihr einen Gutschein: „Zwei Wochen gemeinsamer Hüttendienst auf der Rauhekopfhütte!“ Die Freude über das Geschenk war erstmal verhalten; da sie Lehrerin ist, kann sie nur in den Schulferien verreisen, und außerdem musste der restliche Sommerurlaub mit zwei schulpflichtigen Kindern auch noch zeitlich passen. Wir bewarben uns bei Stefan für einen Dienst innerhalb der kommenden Sommerferien und er bot uns die dritte Saison-Schicht mitten in den hessischen Sommerferien vom 19. Juli bis 2. August an. Karla und Andreas organisier- ten den restlichen Familienurlaub sowie die Betreuung der Kinder während des Hüttendienstes (die Idee, die Kinder mit auf die Hütte zu nehmen, wurde verworfen) und wir nahmen Stefans Angebot freudig erregt an.
Der Hüttendienst auf der Rauhekopfhütte beginnt meistens mit einer Nacht auf dem Gepatschhaus, da die Ablösung des vorherigen Hüttenteams grundsätzlich am Samstagvormittag erfolgt. So verabreden auch wir uns für Freitagnachmittag am Gepatschhaus. Karla und Andreas fahren mit dem Zug von Frankfurt nach Landeck-Zams und von dort mit einmal Umsteigen per Bus zum Gepatschhaus; Andrea und ich kommen mit dem Auto aus Zürich. Die Zeit bis zum Abendessen nutzten wir zur Besichtigung der Bergstation des Skigebiets Kaunertal und der Klettermöglichkeiten am Fernergries.
Natürlich darf auch ein Rundgang durch das komplett sanierte Gepatschhaus nicht fehlen. Nach dem Abendessen genießen wir nochmal die Aussicht auf den Stausee und die Berge und dann geht es zeitig ins Bett. Am Samstag kommt unser Bergführer Tobi wie verabredet um 7 Uhr zum Gepatschhaus. Mit dem Auto fahren wir den letzten Kilometer bis zum Parkplatz Fernergries und machen uns dann bei schönstem Wetter an den Aufstieg. Wir halten häufig an, um die tollen Ausblicke zum Gletscher und nach unten zum Gepatschstausee zu fotografieren. Nach ungefähr zwei Stunden erreichen wir die Gletscherzunge. Uns bietet sich ein grandioses, aber auch erschreckendes Bild – grandios der Blick nach oben über das blanke Eis, erschreckend der Blick nach unten: Im Vergleich zu den Eismassen auf alten Bildern und Karten ist schon so viel Eis verloren gegangen!
Mit Steigeisen und Klettergurt, aber ohne uns anzuseilen, marschieren wir los. Hier, in diesem unteren Teil, hat der Gepatschferner kaum Spalten, und diese sind auch gut sichtbar, da kein Schnee liegt. Wir marschieren eine halbe Stunde auf dem Gletscher bergwärts, bis wir auf eine Gruppe vom DAV-Bundeslehrteam treffen. Die Gruppe hatte die letzten vier Nächte auf der Rauhekopfhütte verbracht und macht jetzt im Talabstieg am Ende des Lehrgangs noch ein paar Spaltenrettungsübungen. Nach der Begegnung mit dem Bundeslehrteam biegen wir nach rechts ab und verlassen den Gletscher.
Wir ziehen die Steigeisen aus, und nach weiteren 45 Minuten Aufstieg haben wir die Hütte erreicht. Hier erwartet uns bereits das Hüttenteam, welches wir ablösen werden. Nach einer kurzen Pause mit Kuchen und Getränken zeigen unsere Vorgängerinnen uns alles, was wir wissen müssen: Küche, Holzöfen, Stube, Schlafräume, Toiletten, Vorratsräume, Wasserversorgung, Wasserfilter, Photovoltaikanlage, Kasse und vieles mehr. Sie erklären uns noch einige Besonderheiten, und dann sind sie auch schon mit Tobi weg.
Ehrenamt Hüttenwirt:in - es geht los
Jetzt sind wir allein und schauen uns alles nochmal in Ruhe an. Von Stefan hatten wir eine 10-seitige Gebrauchsanweisung mit technischen Hinweisen, Regeln und Ausfüllhilfen für Berichte und Formulare bekommen – wir bemühen uns, das Gelesene mit dem Gehörten und dem, was wir sehen, übereinander zu bringen. Gleich- zeitig überlegen wir uns, wie eine sinnvolle und trotzdem vergnügliche Arbeitsteilung aussehen könnte. Viele Köche verderben den Brei, also schnappe ich mir als Aufgaben Spülen und Holzhacken sowie die Prüfung und Wartung der Wasserleitung.
Außerdem richten wir uns in unserem Hüttenwirtszimmer ein: zwei Stockbetten auf acht Quadratmetern. Man muss sich schon gut kennen und mögen, um 14 Tage so zu wohnen. Interessant auch das Badezimmer: ein ausgehöhlter Baumstamm mit drei Wasserhähnen und einem Duschkopf im Freien vor der Hütte. Am interessantesten ist natürlich die Vorratskammer; schließlich sind bereits für den ersten Abend 14 Gäste angemeldet. Die Kammer (auch liebevoll Tante-Emma-Laden oder Rewe genannt) ist reich gefüllt:
Neben Regalbrettern voller Konserven, Gläsern, Marmeladen, Honig, Fertigsuppen, Nudeln, Reis, Knödelbrot, Brotbackmischungen und Mehl gibt es auch einen Kühlschrank und eine Tiefkühltruhe, die beide mit Käse, Wurstwaren, Eiern und Quark gut gefüllt sind. Außerdem lagern hier frische Kartoffeln, Äpfel sowie Weiß- und Rotkohl. Ein Getränkelager birgt Bierfässer, Wein, Sirup-Kanister und Milch sowie reichlich Speck und Landjäger. Da wir alle noch nie auf einem Holzofen gekocht hatten, entscheiden wir uns für ein einfaches erstes Abendessen: Lauchcremesuppe als Vorspeise, Pasta mit Letscho für die Vegetarier, Pasta Bolognese für die Fleischesser und Paradiescreme als Nachspeise.
Am Nachmittag kommen zu unserer großen Freude die ersten beiden Gäste: Die Trainer:innen Melanie und Matthis aus unserer Sektion sind auf Vor-Tour für ihren Kurs „Alpine Luft schnup- pern im Kaunertal“. Gegen 16 Uhr beginnen wir mit der Vorbereitung des Abendessens. Nach anfänglichen Schwierigkeiten funktioniert die Arbeit mit und auf dem Holzofen ganz gut. Auch mit den Mengen, die deutlich größer sind, als wenn wir da- heim kochen, kommen wir klar. Als gegen 17.30 Uhr aber eine angemeldete 9-Personen-Gruppe des DAV Summit Club noch nicht aufgetaucht ist, werden wir etwas nervös. Ein Anruf bei der Hüttenwirtin vom Gepatschhaus soll die Lage klären: „Du Lena, wir vermissen hier neun Leute vom Summit Club. Sind die zufällig bei dir?“ – „Ja, die sitzen hier in der Stube.“ Anscheinend hatte die Gruppe ein Problem beim Aufstieg, berichtet Lena. „Also sind sie umgedreht und jetzt beratschlagen sie, wie es weitergeht.“ Angesichts der fortgeschrittenen Zeit kommt die Gruppe an diesem Abend nicht mehr und beschert uns für die Nacht eine fast leere Hütte sowie eine Menge Essensreste für den nächsten Tag.
Abwechlungsreicher Tagesablauf
Am nächsten Morgen beginnt der Tag für uns um 6 Uhr mit der Vorbereitung des Frühstücks und dem Anzünden des Ofens – in der Hoffnung, dass um 6.50 Uhr ausreichend heißes Wasser für Kaffee und Tee zur Verfügung steht. Dazu Brot (das vorherige Hüttenteam hatte uns dankenswerterweise am Vortag noch ein Brot gebacken), Butter, Käse, Wurst, Speck, Marmelade und Honig. Wir finden Haferflocken und Joghurt und entscheiden uns, das Früh- stück damit anzureichern und auch geschnittene Apfelstücke auf den Tisch zu bringen. Da die Gruppe vom Summit Club nicht gekommen ist, haben wir am ersten Morgen nur wenige Gäste zu versorgen. Das entspannt die Lage sehr und wir haben genügend Zeit, alles auszuprobieren – ein erster Versuch, Rührei herzustellen, scheitert beispielsweise, da wir die Pfanne nicht heiß genug bekommen ...
„Man muss sich schon gut kennen und mögen, um 14 Tage so zu wohnen.“
Nachdem die Gäste gefrühstückt haben, frühstücken wir – und besprechen, was am Tag anliegt und was gekocht werden soll. Anders als viele Gäste vermuten, gibt es keinen vorgegebenen Speiseplan! Damit der Hüttendienst Spaß macht und jeder seine eigene Note einbringen kann, kann jedes Hüttenteam nach seinem Gusto mit den vorhandenen Mitteln kochen. Das überwältigt am Anfang ein wenig, trägt aber Dank der vielen positiven Gästerückmeldungen sehr zu unserer Zufriedenheit bei. Nach dem obligatorischen Spülen nach dem Frühstück, widmen sich Andrea und Andreas dem Backen, während Karla und ich die Wasserleitung ablaufen und abklettern.
Die Wasserversorgung der Hütte erfolgt über eine schätzungsweise 750 Meter lange Wasserleitung von einem Schmelzwasserablauf des Gepatschferners. Im weglosen Gelände folgen wir der Leitung von der Hütte bis zur Wasserfassung und prüfen alle Verbindungen zwischen den Schlauchstücken auf Dichtigkeit. Darüber hinaus gibt es insgesamt vier Quellschächte (Wassertonnen), in denen sich die mitgeführten Schwebstoffe absetzen sollen. Hier müssen von Zeit zu Zeit die Sedimente ausgespült wer- den. Bei unserer Visite entdecken wir lediglich eine kleine Leckage zwischen zwei Schlauchstücken. Da wir die Schlauchkupplung mit bloßen Händen nicht auseinander bekommen, nehme ich mir vor, am kommenden Tag nochmal mit Werkzeug anzurücken. Oben am Schmelzwasserablauf angekommen, beschließen wir, noch ganz hoch bis zum Gletscher zu gehen und die Aussicht auf die Weißseespitze zu genießen.
Als wir nach zwei Stunden wieder zur Hütte zurückkommen, haben Andrea und Andreas unser erstes Brot gebacken. Die Brotmischungen sind relativ einfach zu handhaben und verzeihen auch leicht variierende Temperaturen. (Im Holzofen eine konstante Temperatur zu halten, erweist sich für uns Anfänger als nicht ganz einfach). Auch die vor der Saison neu angeschaffte Rührmaschine erleichtert die Teigzubereitung. Nach diesem Erfolgserlebnis backen die beiden dann gleich noch einen Apfelkuchen, während Kar- la und ich uns dem Putzen und Holzhacken widmen. Bei schönem Wetter kommen am Mittag ein paar Tagesgäste, die wir mit Suppe und unserem frisch gebackenen Kuchen verwöhnen können. Nachdem die Gäste gegangen sind, haben wir zum ersten Mal Gelegenheit, innezuhalten und etwas runterzukommen. Doch schon nach zwei Stun- den wird es wieder Zeit, mit der Vorbereitung des Abendessens zu beginnen.
Allmählich finden wir uns in unseren regelmäßigen Tagesablauf ein, der morgens früh mit dem Befeuern des Ofens beginnt und abends spät mit Spülen oder dem Vorbereiten von Thermo-Frühstück für die ganz frühen Vögel endet. Wir backen hochgelobte Zimtschnecken, machen Kaspressknödel und Kaiserschmarrn. Jeden Tag freuen wir uns auf das Kochen und die Bewirtung – und das positive Feedback unserer Gäste danach. Dazwischen liegen viele schöne Begegnungen und Gespräche mit den Trainern und Teilnehmern der DAV-Trainerlehrgänge, sowie der Sektions-, Alpinschul- und Wandergruppen. Wir nehmen uns kleine Auszeiten mit kurzen Touren auf den Gepatschferner und die um die Hütte liegenden Felsen – und finden es gemütlich, wenn die ganze Hütte voll hängt mit den nassen Klamotten der Ausbildungs- und Tourengruppen.
An einem Tag ist das Wetter tatsächlich so mies, dass gar keine Gäste kommen. An Tagesgäste ist bei Dauerregen und Schneefall sowieso nicht zu denken und die angemeldeten Individualgäste haben nach und nach telefonisch abgesagt. Wir genießen den freien Tag mit Spielen, Puzzeln und Lesen, bis uns das Pflichtgefühl überkommt und uns zum Putzen treibt. Auf einer Hütte gibt es immer etwas zu tun, so muss man bewusst Pausen machen. Früher wurde die Hütte von zwei Personen bewirtet; wir sind froh, dass wir zu viert sind
Die zwei Wochen waren arbeitsreich, aber auch sehr befriedigend. Vor allem die positiven Rückmeldungen der Gäste erfüllen uns mit Freude und Stolz, und für die haben wir das Ganze ja gemacht. In zwei Jahren wollen wir wiederkommen und erneut Gastgeber auf der Rauhekopfhütte sein. Wer das dann als Geburtstagsgeschenk bekommt, müssen wir allerdings noch ausknobeln - Karla jedenfalls findet es im Rückblick eine tolle Idee.
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