Weinlehrpfad Kurtatsch | © Tourismusgenossenschaft Südtirols Süden

Reben, Äpfel, urige Dörfer: Der Weinlehrpfad bei Kurtatsch

Reihe: Südtirol abseits der Hot Spots

07.11.2026

Über Südtirol gab es in den vergangenen Sommern immer wieder nachgerade Horrormeldungen: Von wegen Überfüllung gesperrten Wanderwegen und Straßen war die Rede, von horrenden Parkgebühren für beliebte Wanderparkplätze und Diskussionen über den alles erstickenden Overtourism.

Sanfte Wanderung durch die Weinberge um Kurtatsch und Margreid

Und in der Tat, ob Pragser Wildsee, Drei Zinnen oder Geislerspitzen, diese und einige andere Orte sollten Bergliebhaber in der Hauptreisezeit meiden. Doch gibt es rund um Eisack- und Etschtal genügend Wege, die auch im Sommer und Frühherbst genussvoll begehbar sein. Aber Achtung: Ganz allein ist man hier fast nie. Passend zur Jahreszeit möchte ich eine sanfte Wanderung, manche würden das eher einen etwas anspruchsvolleren Spaziergang nennen, durch die Weinberge rings um Kurtatsch und Margreid vorstellen.

Beide Dörfer liegen ganz im Süden Südtirols kurz vor der Sprachgrenze. Die verschiedenen Ortsteile Kurtatschs, hier „Fraktionen“ genannt, liegen wie absichtslos hingewürfelt auf zahlreichen Terrassen unterhalb des Roen Massivs, außer den paar Gehöften, Ansitzen und Kirchlein gibt es nur Reben, ab und zu Oliven und Obst. Margreid liegt unten im Etschtal an einen Felsberg geschmiegt, einer der urtümlichsten Orte hier, an einem Haus ist die älteste noch existierende Rebe Südtirols zu bewundern. Sie ist der Zielort der Wanderung, oder Startpunkt, je nachdem.

Der Weinlehrpfad oberhalb des Etschtals

Beginnt man die Strecke im Ortszentrum von Kurtatsch führt der „Weinlehrpfad“ genannte Weg schnell außerhalb des Dorfs vorbei an einem kuriosen Denkmal. Es handelt sich um eine Hand, die Figur des Saltners verweisen soll. Saltner haben früher, angetan mit schauriger Fellmütze, Maske und allerlei Krach machenden Werkzeugen, dafür gesorgt, dass weder Mensch noch Tier sich unbefugt den Wein- und Obstgärten nähert. Der Weg führt sanft bergan, immer zwischen den Weinreben, die jetzt im Herbst schon gelb eingefärbt sind. Man kann sich hier sowieso fast nicht sattsehen:

Unten das dicht mit Apfelbäumen bepflanzte Etschtal, in der Mitte Autobahn, Fluss, Bahnlinie, hier oben die sanften und nun zunehmend bunter gefärbten Hügel, zunächst mit Wein, dann mit Apfelbäumen, später bergan Esskastanien und schließlich der blanke graue Fels. Eine so harmonische Mischung aus Natur und vom Menschen in Jahrhunderten geformten Landschaft findet man nicht überall, aber zugegeben, fast überall, wo es Wein gibt. Um den geht es dann auch in den zahlreichen interaktiven Schautafeln, wo man alles über die hier angebauten Rebsorten und die typischen Anbausysteme lernen kann. Mal läuft man entlang der typischen Südtiroler Pergeln, unter denen man wie unter einem grünen Dach laufen kann, mal entlang der Spaliersysteme, die in neuerer Zeit für die meisten Rebensorten verwendet werden, die andernorts verbreitet sind.

Tonvasen, die Fruchtdüfte eröffnen

Ein Vergnügen nicht nur für Weinliebhaber sind die kleinen tönernen Amphoren, die gut sichtbar am Rand des Wegs aufgehängt sind. Schraubt man den Deckel auf, kann man verschiedene Düfte herausriechen: Stachelbeere etwa oder Kirsche oder Waldbeeren. Und man erfährt, dass dieser Duft zur Cabernet- oder Chardonnay-Traube oder zum ausschließlich hier wachsenden Vernatsch gehören. Man schnuppert, rät und staunt, und obwohl der Weg nur knappe zehn Kilometer lang ist, dauert alles ein wenig länger, da es so viel zu sehen gibt. Der Weg schlängelt sich durch die Reblandschaft, mal durch eine schmale Schlucht, in der im Frühjahr bestimmt ein etwas wasserreicherer Bach sprudelt, hinunter nach Entiklar, wo es äußerst schwerfällt, keine längere Pause im pitturesken Schlößchen Turmhof zu machen.

Alte Rebe und urtümliche Dorfhäuser

Aber wieso eigentlich nicht? Ein Gläschen Weißburgunder (Weiße vor zwölf Uhr, nach zwölf ist auch ein leichter Roter erlaubt, so sagt man jedenfalls hier an der Weinstraße) oder ein ebenso immer kalt getrunkener Vernatsch, hellrot, leicht und idealerweise erfrischend wie ein Gebirgsbach, können doch nicht wirklich schaden! In einer halben Stunde geht es weiter! Von Entiklar führt der Pfad nach Margreid, einem der schönsten Weindörfer der Region. Hier lässt sich die große alte Rebe bestaunen, die Urtümlichkeit der alten Dorfhäuser sowieso. Wie sind stark und vermeiden den Ausschank des Südtiroler Vorzeigewinzers Lageder, dem der Imagewechsel der Südtiroler Weine von Massenware zu nicht eben billigen Qualitätsweinen seit den 90er Jahren zu verdanken ist. Nun erfordert auch der Weg so gut wie keine Anstrengung mehr: Vorbei an idyllischen Biotopen, wo Schautafeln interessante Details über die Natur und Landschaft des Südtiroler Unterlands verkünden, geht es nach Kurtinig, genau in der Mitte des Tals gelegen.

Text und Fotos: Matthias Bischoff

 

Die Eckdaten des Weinlehrpfads bei Kurtatsch, Südtirol

  • Start: Tourismusbüro Kurtatsch
  • Weg nach Entiklar 2,2 km, 75 – 145 m
  • Entiklar – Margreid 1,8 km, 72 – 108m
  • Margreid – Kurtinig 4,4 km 10 – 30 m

Zurück mit den hier sehr regelmäßig fahrenden öffentlichen Bussen.

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Über Matthias Bischoff

Matthias Bischoff, geboren 1962, studierte Germanistik, Komparatistik und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 1990 ist er freier Mitarbeiter der Rhein-Main-Zeitung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und schreibt mit dem Schwerpunkt Theater und Literatur. Er war Cheflektor des Eichborn Verlags in Frankfurt und ist heute Programmleiter im Knaus Verlag in München. Seit 2016 unterrichtet er Deutsch als Fremdsprache an einer Berufsschule und arbeitet als freier Lektor.