So stolz sind die Frankfurter auf Anna Voigts Leistungen, dass ihr 1890 als einziger Frau ein Ehrendiplom verliehen wird – obwohl zur gleichen Zeit in den Sektionsgremien noch diskutiert wird, ob Frauen überhaupt zu geselligen Abenden zugelassen werden sollen.
Eine weitere herausragende Frankfurter Alpinistin ist Eleonore Noll-Hasenclever. Sie gilt zu ihrer Zeit ebenfalls als eine der weltbesten Bergsteigerinnen, zumal sie viele Jahre lang ohne Führer unterwegs ist, ja sogar selbst Führungen durchführt. Der Sektion tritt sie 1902 bei und hält schon vor dem ersten Weltkrieg Vorträge, was in dem männerdominierten Verein damals eine kleine Sensation gewesen sein dürfte. Vor allem in den Schweizer Westalpen macht sie dutzende aufsehenerregende Touren, besteigt unter anderem die Aiguille Verte und überschreitet die Grandes Jorasses. Auch ihren späteren Ehemann Johannes Noll lernt sie 1911 während einer Bergtour kennen – als sie ihn auf die Aiguille des Grands Charmoz führt. 1914 schafft sie endlich, als ihren 45. Viertausender, das Weißhorn, diesen, wie sie selbst sagt, „neben dem Matterhorn edelsten Berg“.
Bei der Erkundung des Weißhorns entgeht sie nur knapp einer Lawine und schildert das Erlebte nachher eindrücklich: „Ein wahres Trommelfeuer von Schneeblöcken, dann schleuderte mich die Kraft der Lawine mitsamt dem Pickel eine Strecke fort, nahm mich galant auf ihren Rücken, wühlte mich zu unterst und warf mich wieder nach oben; ich suchte mit allen Kräften mich schwimmend auf der Oberfläche des Schneestroms zu halten, was mir auch gelang.“ 1925 aber wird ihr in den Walliser Alpen eine Lawine zum Verhängnis: Sie stirbt in 3800 Meter Höhe am Bishorn in den Schneemassen. Ihr Grab befindet sich auf dem Bergsteigerfriedhof in Zermatt.
Zwischenkriegszeit
1918 stirbt der charismatische Sektionsvorsitzende Theodor Petersen. Er wird auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bestattet, wo noch heute sein Grabstein zu sehen ist. Finanziert hat das Grabmal das Ehepaar Noll-Hasenclever. Die Sektion Frankfurt am Main hat unter dem Ersten Weltkrieg sehr gelitten, nach Kriegsende hat sie nur noch 840 Mitglieder. Unter dem neuen Vorsitzenden Max Moritz Wirth beginnt der Wiederaufbau, der Verein wächst. Bergsport und vor allem Bergtourismus erleben in den 20er Jahren einen regelrechten Boom, die Hütten sind zunehmend überfüllt. Das spiegelt sich auch in der Sektion, die auf 1800 Mitglieder wächst. Ab 1926 gibt es ein jährliches Vereinsfest im Zoo, das zu einem Höhepunkt des gesellschaftlichen Lebens der Stadt wird und teilweise bis zu 3000 Gäste anlockt. Der harte Kern der Alpinisten in der Sektion ist zwar klein, doch zu den regelmäßigen Vorträgen kommen bis zu 400 Mitglieder, an Wanderungen in der Frankfurter Umgebung nehmen bis zu 200 teil. 1930 gründet die Sektion eine Skiabteilung, denn Wintersport wird immer beliebter.
Nationalismus und NS-Zeit
Politisch entwickelt sich der DAV nach dem Ersten Weltkrieg alles andere als positiv. Der Verband radikalisiert sich und richtet sich zunehmend deutschvölkisch aus, jüdische Bergsteigerinnen und Bergsteiger werden ausgegrenzt. Ab 1933 arbeitet der DAV eng mit dem NS-Regime zusammen. Die Sektion Frankfurt am Main widersetzt sich lange den antisemitischen Tendenzen des Gesamtverbands. So stimmt sie 1924 als eine von ganz wenigen Sektionen vergeblich gegen den Ausschluss der Sektion Donauland wegen deren zahlreichen jüdischen Mitgliedern. Anders als viele andere Sektionen hat Frankfurt bis 1933 auch keinen Arierparagraphen. Vielmehr gehört mit Dr. med. Arthur Kutz bis 1932 ein jüdischer Arzt der Sektionsführung an.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme folgt allerdings auch die Sektionsführung der Marschrichtung des Gesamtvereins: Man will die Existenz des Vereins erhalten. Mitte 1933 wird der Arierparagraph eingeführt, zahlreiche jüdische Mitglieder müssen die Sektion verlassen. Im September 1933 übernimmt Dr. Ernst Wildberger, NSDAP- und SA-Mitglied, den Posten des „Sektionsführers“. Im März 1934 wird Rudolf Seng in den Posten gewählt, ebenfalls NSDAP-Mitglied. Im Nachrichtenblatt der Sektion tauchen nun wiederholt Artikel im NS-Jargon auf. Bemerkenswert ist aber eine Personalie: Dr. Kurt Blaum, 1933 von den Nazis wegen seiner antinational-sozialistischen Einstellung vom Amt des Oberbürgermeisters von Hanau abgesetzt, wird 1935 zum Sektionsreferenten für das traditionell sehr wichtige Vortragswesen berufen. Er behält das Amt bis Kriegsende. 1945 wird er von der US-Besatzungsmacht als Frankfurter OB eingesetzt.
Die Sektion arbeitet dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte inzwischen gründlich auf. Die bisherigen Recherche-Ergebnisse der Projektgruppe "Spurensuche Nationalsozialismus" finden sich auf der gleichnamigen Website "Spurensuche Nationalsozialismus". Die Online-Dokumentation wird laufend ergänzt und ausgebaut.
Wiederaufbau
Nach Kriegsende wird es Jahrzehnte dauern, bis der DAV sich diesem dunklen Kapitel seiner Geschichte stellt. Zunächst geht es, wie in weiten Teilen der Gesellschaft, um Wiederaufbau. Die Sektion Frankfurt am Main bekommt 1946 die Wiederzulassung durch die US-Militärbehörde, Wirth wird wieder Vorsitzender. Etwa 800 Sektionsangehörige sind im Krieg gefallen, doch 1950 ist die Mitgliederzahl schon wieder auf 2300 gestiegen. 1956 bekommt die Sektion ihre damals fünf Hütten in Österreich von der dortigen Treuhandverwaltung zurück.
In dieser Zeit gelingen den Frankfurtern einige bergsteigerische Erfolge, so die Winterdurchsteigung der Watzmann-Ostwand 1949 und die Pamir-Expedition 1953.
Für internationales Aufsehen sorgt vor allem die Frankfurter Himalayaexpedition von 1955, die der Bergsteiger Reinhard Sander leitet: die Erstbesteigung des über 7000 Meter hohen Spantik (auch Golden Peak genannt, 7027 m) im Karakorum durch Edi Reinhardt, Joachim Tietze und Reiner Diepen. Die Expedition wird ein großer Erfolg – vor allem, weil der Arzt Walter Brendel vom Kerckhoff-Institut aus Bad Nauheim und der österreichische Gletscherkundler Norbert Untersteiner in der noch unerforschten Gegend wichtige Daten erheben können. Brendel sammelt Erkenntnisse über das Verhalten des menschlichen Körpers in großen Höhen. Untersteiner – Pionier der Klimaforschung – untersucht den Gletscher, der bereits im Abschmelzen begriffen ist. Nach ihrer Rückkehr werden die Bergsteiger im September im Römer empfangen.
Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb hat dem Team um Sander zwei Tage vor der Abreise die Fahne der Stadt Frankfurt überreicht, die „über Zeltlagern der Expedition wehen und (...) für den Unternehmungsgeist der Frankfurter Bergsteiger zeugen“ soll. Heute befindet sich die Fahne im Institut für Stadtgeschichte - denn auf dem Gipfel des Spantik war zu stürmisches Wetter, um sie hissen zu können.